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Artikel Apportieren

Beschäftigung von körperlich behinderten Hunden

Ein Artikel von Iris Bauer, ehemals Schneider. 

- Ein blinder Hund apportiert? -

...„Alfonso ist blind, nicht blöd!“, antworte ich meist auf die Frage mit einem herzlichen Lächeln.


In der Tat ist die weitverbreitete Meinung, dass blinde, taube oder auch dreibeinige Hunde behindert und somit zu Nichts zu gebrauchen sind. Ein Leben an der Leine, gepaart mit Mitleid seitens der Zweibeiner und falsch verstandener Tierliebe, ist oft die Regel! Die Tiere werden oft weggesperrt, von Artgenossen ferngehalten und ihrem Schicksal überlassen. Für mich unverständlich!

Hunde kompensieren ihre Behinderung gut, vorausgesetzt: Wir Menschen lassen es zu, geben ihnen die nötige Unterstützung und sehen die Behinderung als das was sie ist. Nämlich lediglich eine Einschränkung. Weder Krankheit noch Katastrophe!

Ich kann als Hundehalter eines körperlich behinderten Hundes das Tier unterstützen, durch gezielte Beschäftigung seine gesunden Sinne zu schärfen. Durch eine auf die Behinderung des Hundes abgestimmte Beschäftigung sowie der Voraussetzung, dass diese Hund und Halter Spaß bringen sollte, baue ich zudem noch Selbstbewusstsein beim behinderten Hund auf! Die gemeinsame Beschäftigung fördert das Verhältnis zwischen Hund und Mensch und stärkt das Vertrauen!

Die Kompensation einer Behinderung über andere Sinne oder andere Körperteile ist dem körperlich behinderten Hund nicht ununterbrochen zuzumuten. Ruhephasen sind unbedingt notwendig! Nur so ist ein positives Ergebnis für alle Beteiligten und ganz besonders für den Hund möglich.

Eine Beschäftigung von körperlich behinderten Hunden sehe ich als notwendig an und muss in jedem Fall unter Berücksichtigung der jeweiligen Behinderung ausgesucht werden. Ebenso ist ein individueller Aufbau und letztlich Erlernen der jeweiligen Beschäftigungsmöglichkeit der körperlichen Behinderung anzupassen.

Nachstehend als Beispiel: Apportieren eines Futterbeutels!

Apportieraufbau:

Die Grundvoraussetzung, um einem Hund das Apportieren des Futterbeutels „schmackhaft“ zu machen, ist die Motivation HUNGER!

Ich fordere deshalb den Hundehalter auf, seinen Hund vor der ersten Futterbeutel-Apportier-Trainingseinheit das Tier 1,5 Tage hungern zu lassen. Damit beginnt meist schon das Problem! Erst nach ausführlicher Erklärung, WARUM dies fürs erste Mal so wichtig ist und dem Hinweis, dass Hunde nichts aus Liebe für uns tun, stellt sich langsam Einsicht ein! Die erste Hürde ist überwunden und hatte noch nichts mit dem eigentlichen Training zu tun!!

Am Tag des ersten Apportiertrainings wird eine große Portion Trockenfutter, möglichst mit ein paar Stücken Fleischwurst und/oder Käse untergemischt. Die Belohnung sollte natürlich attraktiv für den Hund sein! Einen Grundgehorsam des Hundes vorausgesetzt, kommt dieser an die Schleppleine. Ich beginne damit, dem Hund den Futterbeutel mit Inhalt geöffnet vor die Nase zu halten. Dann schließe ich den Reißverschluss, der auf keinen Fall vom Hund selbständig zu öffnen sein darf! Nicht jeder Futterbeutel ist entsprechend konstruiert und sollte unbedingt darauf getestet werden. Eine selbstbelohnende Handlung für den Hund durch eigenmächtiges Öffnen des Beutels muss verhindert werden. Der Hund hat nun, ganz gleich, ob blind, taub oder dreibeinig, den Beutel mit Futter und meiner Person verknüpft!

Als nächstes werfe ich den Futterbeutel in kleiner Entfernung vom Hund ins Gelände. Die Schleppleine halte ich in der Hand, um auf den Hund einwirken zu können! Der Hund läuft, hungrig wie er ist, motiviert zum Futterbeutel und berührt diesen im optimalen Fall mit der Schnauze. Sobald er den Futterbeutel ins Maul nimmt oder den Ansatz dazu zeigt, wird der Hund verbal gelobt!

Dieses Lob darf nicht zu überschwänglich ertönen, da es den Hund sonst im Verhalten unterbrechen könnte. (Der taube Hund wird über Sichtkontakt gelobt. Er erhält sein Sichtzeichen, auf das er vorher bereits konditioniert wurde und dieses sinngemäß mit „Gut, weiter so!“ verknüpft.) Hat der Hund nun den Futterbeutel im Maul, ziehe ich das Tier behutsam und ohne Hektik mittels Schleppleine zu mir heran. Das ist der Grund für den anfangs geringen Abstand zwischen den Beteiligten.

Wichtig:Der Mensch darf sich nicht vom Fleck bewegen, denn der Hund soll apportieren!

Hat dieser Schritt funktioniert, nehme ich dem Hund mit entsprechendem Hör- bzw. Sichtzeichen den Beutel aus dem Maul, öffne diesen und lasse den Hund ein wenig vom Futter direkt mit dem Maul aus dem Beutel aufnehmen und lobe für erwünschtes Verhalten.

Die meisten Hunde verstehen den Ablauf, WIE sie ans Futter gelangen, schnell und begreifen, dass sie bei dieser Beschäftigungsmöglichkeit mit dem Hundehalter zusammen „arbeiten“ müssen, um die Belohnung Futter zu erhalten. In den nächsten Tagen ist es wichtig, den Hund ausschließlich über diesen Weg zu füttern. Er sollte nicht die Erfahrung machen, dass er auch ohne Apportieren zum Ziel kommt!

Später ist dies nicht mehr zwingend notwendig und das Apportieren des Futterbeutels kann dann individuell als Beschäftigungsmöglichkeit körperlich behinderter Hunde angewendet werden. Ebenso ist die Schleppleine bald nicht mehr notwendig!

Alfonso beherrscht das Futterbeutel-Apportieren inzwischen so gut, dass ich ihm dabei unterschiedliche Herausforderungen biete. Apportieren auf ebenem Gelände wie z. B. eine Wiese macht er mit links.

Ist es allerdings sehr windig, hat er zwar die Orientierung über seine Ohren, da er den „Aufprall“ des geworfenen Beutels hört, ist jedoch durch den Wind im Geruch irritiert. Ich helfe ihm dann mittels meiner Stimme und entsprechenden Kommandos. Er erkennt sowohl an den Kommandos als auch an der entsprechenden Stimmlage, ob er sich dem Ziel nähert oder sich von diesem entfernt.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass er mich trainiert. Dann z. B., wenn es wirklich gute Bedingungen zum Apportieren sind, und er um den Futterbeutel schleicht wie um den „heißen Brei“! Früher oder später ertappe ich mich dann dabei, dass ich ihn bei dieser einfachen Aufgabe verbal unterstütze. Über seinem Kopf könnten dann „Sprechblasen“ zu lesen sein mit folgendem Text: „Schwierig, schwierig...wo ist denn der Beutel??...na Frauchen, wie gut machst Du Deine Sache heute?...streng Dich an!“...Nach einiger Zeit, kurz bevor meine verbale Motivation völlig versagt, zeigt er Einsicht und „findet“ endlich seinen Futterbeutel. Wer dann beim Apportieren seinen schelmischen Gesichtsausdruck sieht, hat keinen Zweifel mehr daran, wer soeben wen beschäftigt hat!


Foto: Jörg Kinn

Dies ist dann der Zeitpunkt für Schwierigkeitsstufe 2! Alfonso apportiert dabei im Wald. Er muss nun also seinen Futterbeutel orten u n d den Weg dahin, trotz Blindheit, bestreiten. Über Baumstämme springen, durchs Unterholz gehen...keine leichte Aufgabe, die hohe Konzentration von ihm verlangt.

Wenn ich auf diese Weise mit Alfonso apportiere, ist ihm regelrecht anzusehen, wie stolz er über die vollbrachte Leistung ist. Und darauf kann er stolz sein!


Foto: Jörg Kinn

Schwierigkeitsstufe 3!

Wir stellen uns einen Feldweg vor. Parallel zum Weg befindet sich eine hochgewachsene Wiese. Feldweg und Wiese sind jedoch durch einen Bach getrennt! Alfonso befindet sich mit mir und dem Futterbeutel auf dem Feldweg. Ich werfe den Beutel über den Bach in die hochgewachsene Wiese und schicke Alfonso mit „such“ los und gebe ihm, sobald er sich dem Bach nähert, das Kommando „spring“! Die Schwierigkeit dabei ist, dass er sich den „Aufprall-Ort“ des Beutels gut merken muss. Im hohen Gras bewegt er sich hüpfend wie ein Känguru fort und kann dabei den Futterbeutel schlecht riechen. Zuvor ist er jedoch noch abgelenkt, da er das Hindernis Bach überqueren muss!

Alfonso vollbringt auch diese Leistung inzwischen mit Bravour! Und auch hier kommt es ab und zu vor, dass Alf sein eigenes Programm abspielt. Anstatt über den Bach zu springen, sucht er sich den Hinweg über die Brücke, um dann m i t Futterbeutel auf dem Rückweg das Hindernis Bach zu überqueren. Alf eben! Ich ignoriere dies inzwischen und nahm es zum Beweis auf Video auf... ;-)


Foto: Bauer

Die Variante: Im Garten apportieren!

Dabei lege ich den Futterbeutel in eine Baumgabel. Alfonso muss sich, um an sein Futter zu gelangen, auf die Hinterbeine stellen, sich mit den Vorderpfoten am Baumstamm abstützen, um dann den Futterbeutel mit dem Maul aufnehmen zu können.

Die einfachere Variante ist das Apportieren vom Fensterbrett der Garage.

Aus der Höhe zu apportieren, machte Alfonso am Anfang Schwierigkeiten. Bisher war er es gewohnt, seinen Futterbeutel auf der Erde zu finden. Ich half ihm dabei, indem ich ihn zum Baum führte und ihn bestätigte, sobald seine Nase in Richtung Himmel ging.

Wenn ein blinder Hund einen Gegenstand vom Baum apportieren soll, ist es wichtig, das Tier dabei nicht in Gefahr zu bringen! In aller Regel ist der Tastsinn eines blinden Hundes sehr gut, und die Tiere tasten sich an Hindernisse vorsichtig und langsam heran. Dennoch muss der Hundehalter berücksichtigen, dass der blinde Hund den Umfang des Baumstammes, an dem er die Vorderpfoten abstützt, nicht sehen kann. Ebenso erkennt er evtl. runterhängende Äste nicht, an denen er sich z. B. beim Aufsteigen im Gesicht verletzen könnte. Mein „Apportierbaum“ im Garten ist deshalb „alfgerecht“ zurückgeschnitten!

Vom Gartentisch apportieren habe ich inzwischen aus dem Beschäftigungsprogramm gestrichen. Zu groß war die Eigeninitiative meiner vierbeinigen Mitbewohner „Futter“ zu „apportieren“.....


Foto: Bauer

Sie ahnen es sicher schon, dass Alfonso inzwischen seiner neuen Herausforderung - vom Baum im Wald apportieren - mit Begeisterung nachgeht. Die Fotos von Jörg Kinn, die während der Dreharbeiten zum Film Alfonsos Welt entstanden, sprechen für sich...

 

Das Apportieren mit einem sogenannten Preydummy ist natürlich auch mit Hunden ohne Handicap möglich....;-)

       

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Fotos: Schneider

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Der Artikel erschien in der Zeitschrift "Der Hund", Ausgabe 07/2006, Autorin: Iris Schneider.  

 

 

 

 

 
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