©    Iris Bauer            

Podenco Alfonso

alf-im-schilf-sepia2.jpg

Lassen Sie mich von meinem Rauhaarpodenco Alfonso, genannt Alf, erzählen. Es sei erwähnt: Alf ist von Geburt an blind, der Grund für diese Geschichte!

ALFONSO, EIN BLINDER ENGEL!

 Foto: Jörg Kinn

Erstmals sah ich den damals 6 Monate jungen Hund, der aus einer spanischen Tötungsstation gerettet wurde, in meinem Fernseher während der Sendung „Tiere suchen ein Zuhause“ im Jahre 2001. Die Anforderungen an die neuen Besitzer waren nicht gering. Podenco-Erfahrung, eingezäuntes, großes Grundstück und ein bereits vorhandener Hund, an dem sich das blinde Tier orientieren sollte. Nun musste da aber auch noch die grundsätzliche Bereitschaft sein, ein behindertes Tier bei sich aufzunehmen. Ich fragte mich: Wer wird diese „arme Socke“ nehmen? Am nächsten Tag nahm ich Kontakt mit dem Tierschutzverein auf, und wir vereinbarten noch am selben Tag ein „Kennen-Lern-Treffen“ für Zwei- und Vierbeiner.

Informationen zum Film - Alfonsos Welt - finden Sie am Ende dieser Seite.

Alfonso lief verunsichert in seiner Unterbringung umher. Ich betrat den Raum und ging in die Hocke. Er kam vorsichtig auf mich zu, beschnupperte mich und tastete sich in Richtung meines Gesichtes vor. Ich lies ihn gewähren. Plötzlich spürte ich drei aufeinander folgende feuchte Nasenstupser auf meiner Wange, und wir waren uns einig: Ab jetzt gehören wir zusammen! Ich war mir sicher, dass sich hinter diesem noch sehr unsicheren aber cleveren Tier ein starker, freundlicher Hundecharakter verbirgt, den es nur zu wecken galt. Was wohl meine beiden bereits bei mir lebenden nicht behinderten Podencos zu ihm „sagen“ würden?

Alfonsos Einzug bei uns rückte näher, und ich traf entsprechende Vorbereitungen, wie z. B. das Wegräumen von „Stolpersteinen“ in Haus und Garten. Draußen wurden die Blumenkübel, die in der Laufrichtung zum Rasen standen, entfernt. Ein zurückgerückter Gartenstuhl wurde bei Verlassen sofort wieder an den Tisch geschoben. Ich sollte schon bald merken, dass sich Alfonso in seinem Zuhause offenbar ein abgespeichertes „Bild“ zunutzen macht, um immer sicherer seinen Weg gehen zu können. Deshalb ist es wichtig, dass ich nicht ständig sein „Bild“ verändere. Und falls es doch einmal notwendig wird, führe ich ihn bewusst darauf zu, damit er das Hindernis „fotografieren“ kann. Genau so gehen wir auch vor, wenn wir in ein für ihn fremdes Haus kommen. Ein gemeinsamer, konzentrierter Rundgang. Ein cleverer Bursche wie er, macht das mit links!

 


Foto: Bauer

Sehr schnell begriff ich, dass er gravierend zwischen Zuhause und Gelände unterscheidet. Im Gelände benutzt er seine Nase und Ohren, um auch auf neuen Wegen trittsicher voran zu kommen. Im heimischen Garten und im Haus verlässt er sich mehr auf sein „Bild“ und kann somit seine Sinne schonen. Ich erkenne dies z. B. daran, dass er gegen den Staubsauger läuft, wenn dieser mal im Flur liegt, weil er offenbar nicht damit rechnet. Im Gelände jedoch, geht er einem kleinen Hindernis aus dem Weg, weil er wesentlich konzentrierter unterwegs ist. Dies war für mich eine verblüffende Feststellung, die mir deutlich machte, wie sehr Alf seinem Zuhause vertraut! Als Alf mit seinen sechs Monaten zu mir kam, hatte er bereits Staupe hinter sich, was sein Staupe-Gebiß verriet, war blind, litt unter starken Schmerzen durch einen Augenüberdruck (vergleichbar mit Migräne-Schmerzen), vertrug die Medikamente gegen den Augendruck nicht, ließ sich kaum berühren, im Gesicht schon gar nicht. Wen wundert’s!! Er bellte wochenlang rund um die Uhr, zerriss die Vorhänge, Kleidungstücke, die er finden konnte und war einfach nicht zur Ruhe zu kriegen. Nach und nach kam ich dahinter, woran es liegen könnte und fing an, Problem für Problem abzuarbeiten. Ein langer Weg kam auf uns zu. Ärztliche Untersuchungen, OP, Akupunktur, Tellington-Touch, Physiotherapie und Massage wegen Verspannungen durch anfänglich unsicheres Gehen und Laufen, Reiki und natürlich Bach-Blüten waren Versuche und zum Teil der Weg zum Erfolg!

Eine Augenoperation war notwendig, um dem Hund die quälenden Schmerzen zu nehmen, ihm die Möglichkeit zu geben, mit Artgenossen schmerzfrei spielen zu können, sein Bewegungsdefizit ausgleichen zu können, kurz: ihm Lebensqualität zu schenken! Es war eine schwere OP, Alf trug im Anschluß 12 Tage eine Halskrause. Ein Stoß am Auge hätte die hauchdünne Naht aufreisen können. Das Risiko wollten wir natürlich nicht eingehen. Der Trichter verhinderte eine Orientierung über Nase oder Ohren. Ich musste meinen blinden Hund auf jedem Schritt begleiten.

12 Tage Rundum-Betreuung! Daneben sollten meine beiden anderen Podencos auch nicht zu kurz kommen. Eine harte Zeit für uns alle. Alfonso hielt tapfer durch, ertrug Schmerzen, geduldig die Halskrause und seine Bewegungseinschränkung. Als wüsste er, dass danach ein neues Leben für ihn beginnen würde. Seine beiden Rudelmitglieder waren rücksichtsvoll und tolerant. Tolle Hunde! Die Zeit verging, der Tag des Fäden Ziehens nahte – meine Güte, war ich glücklich, mein blindes Tier zu diesem Tierarztbesuch fahren zu dürfen.

Wir hatten es geschafft, das Schlimmste war überstanden, die Fäden waren gezogen, noch ein paar wenige Tage etwas auf das operierte Äuglein aufpassen und dann: toben, spielen, toben, spielen.....Wunderbar, Alfonso war wie neu geboren und sah schön aus mit seiner blauen Silikonkugel als "Auge". (Wer’s nicht weiß, glaubt tatsächlich, dass es Alf’s echtes blaues Äuglein ist. Kompliment an dieser Stelle an Dr. Stefan Kindler und sein freundliches Team, Tierarzt, Augenspezialist, in Wiesbaden.)

Alfonso war stark verwurmt, so stark, dass er Würmer erbrach. Ebenso war Alf nicht auf Leishmaniose getestet, was ich sofort durch meinen Tierarzt nachholen lies. Ich selbst lasse den Test grundsätzlich nach einem Jahr wiederholen und kann dies nur empfehlen. 

Alfonso nutzt schon hin und wieder seinen „Behindertenbonus“ aus, z. B. dann, wenn er für alle Vierbeiner im Haus zum Essen klauen aufbricht... Wir stellen uns eine Einbauküche vor. Hinter einer Küchenschranktür verbirgt sich der Mülleimer. Die Tür ist zu. Für Alf kein Problem! Geschickt packt er den Griff der Tür zwischen seine Zähne und öffnet langsam und gaaanz leise die Schranktür. Mmmhh, Küchenabfälle sind einfach lecker.....meine beiden sehenden Podencos trauten sich diesen Unfug nie, fraßen jedoch immer munter mit, wenn Alf den Mülleimer geleert hatte. Manchmal frage ich mich, ob sie ihn nicht sogar dazu anstiften!?? Was habe ich alles versucht, um ihm das abzugewöhnen... IMAG2310.JPG

In meiner neuen Küche gibt es einen großen Edelstahl-Tret-Mülleimer, den er nicht mehr öffnen kann und die Küchentür bleibt meist zu! So, Alf, 1 : 0 für Frauchen!! Nun ja, es gibt schließlich noch das Esszimmer...... Alfonso kann aber auch äußerst mitfühlend sein... Mir ging es an einem Tag ziemlich schlecht, manchmal liegen die Nerven blank.Manche von Ihnen können dies sicher nachempfinden. Ich saß im Wohnzimmer auf dem Boden, hielt meinen Kopf zwischen den Armen auf die Beine gestützt und weinte vor mich hin. Plötzlich spürte ich eine kalte Nase an meiner Wange und Alfonso leckte mir behutsam die Tränen vom Gesicht. Ich war so gerührt, dass ich noch mehr weinte, ihn in die Arme nahm und ihm dankte, dass er bei mir ist. Was für ein Schatz!

Ich habe in den vergangenen Jahren viel von meinen Hunden gelernt, ganz besonders von meinem behinderten Tier. Durch ihn lernte ich, hinzuschauen. Bewusst zu sehen. Für ihn auf Details zu achten. Heute sehe ich die Welt mit anderen Augen, zeitweise mit den Augen meines blinden Hundes.

ALFONSO, EIN BLINDER ENGEL!

Die Erziehung meines behinderten Hundes war anfangs nicht einfach. Ich fand keine Hundeschule, die Erfahrung auf diesem Gebiet hatte. Nach einer eher frustierenden Intensiv-Trainingswoche in einer Behinderten unerfahrenen Hundeschule, kam ich zum Entschluß, die Erziehung mit entsprechenden Kommandos selbst aus dem Bauch heraus in die Hand zu nehmen. Und vor allem: OHNE MITLEID!

Alfonso beim Apportieren des Futterbeutels vom Baum im Wald. Eine Herausforderung für einen blinden Hund! Die Fotos entstanden während der Dreharbeiten zum Film Alfonsos Welt.

Meine Artikel zum Thema: Apportieren mit dem Futterbeutel lesen Sie bitte unter: Apportieren oder in der Ausgabe 07/06 der Zeitschrift "Der Hund", Bauernverlag

.

Aufpassen, Stopp, Langsam, okay lauf, hopp (wenn er in den Laderaum meines Autos springen soll), spring (wenn wir einen Bach überqueren) gehören außer den Grundkommandes wie Sitz, Platz, und Hier zum „Umgangswortschatz“, mit dem wir inzwischen sehr gut zurecht kommen. Alfonso wurde von mir zu einem selbstbewussten Hund erzogen, der mir im wahrsten Sinne des Wortes blind vertraut. Er läuft auf Spaziergängen ohne Leine, braucht keinen „Orienterierungshund“.


Foto: Jörg Kinn

Manchmal ist er schon ein wenig zu selbstbewusst, z. B., wenn er in windhundartiger Geschwindigkeit über die Felder rast und dabei einen kleinen Graben nicht wahrnimmt. Seine „Überschläge“ sehen inzwischen aus wie einstudiert, wichtig dabei, kein Bedauern, sondern sofortiges Ermuntern zum Weiterlaufen. Er hat sich nicht weh getan, nur ein klein wenig erschrocken; wenn überhaupt. DAS muß man ganz klar zu erkennen und zu unterscheiden wissen. Mitleid und Bemuttern ist bei behinderten Tieren ebenso fehl am Platze wie bei nicht behinderten Tieren. Es fällt am Anfang schwer, sehr schwer, ich weiß dies aus eigener Erfahrung. Wenn man seinem behinderten Tier jedoch das Leben so normal wie möglich gestalten möchte, hat Mitleid keinen Platz! Je normaler der Besitzer mit der Behinderung des Tieres umgeht, umso normaler ist es für den Hund. Und sind wir mal ehrlich: Passiert es nicht auch uns Sehenden, mal gegen eine Glastür, Laternenpfahl oder ein anderes Hindernis zu laufen? Es kommt ab und zu vor, dass ich in meinem Rudel von drei Hunden die Frage stelle: Wer von euch ist eigentlich blind??

herbstspaziergang5.jpg

Geistige Beschäftigung ist sehr wichtig.

Im Umgang mit fremden Hunden bin ich vorsichtig. Alfonso ist nicht in der Lage, die Körpersprache des anderen Hundes zu sehen. Bis er dessen Stimmung riecht, kann es unter Umständen schon zum Konflikt kommen. Alfi wurde zweimal gebissen, weil es zu Missverständnissen in der Kommunikation kam. Ich dulde inzwischen prinzipiell keinen Kontakt mehr zu fremden Hunden. Sozialer Kontakt ja, aber nur mit Hunden, von denen ich weiß, dass sie „anständig“ mit Alfonso umgehen. Das ist ein wenig schade, denn er ist ein kontaktfreudiger, verspielter Hund und manchmal wünschte ich ihm schon mehr Sozialkontakte mit Artgenossen. Spielgruppen haben wir besucht. Mit den vielen Hunden ist ein blinder Vierbeiner allerdings überfordert! Durch das ständige Leben in der Dunkelheit muß Abwechslung durch Kopfarbeit geschaffen werden. Futtersuchspiele, Apportieren und Kunststücke einüben macht Alfonso sehr gerne. Es baut Selbstbewusstsein auf und lastet aus! Neben den täglichen, langen Spaziergängen fahre ich ab und zu mit dem „Hunde-Tretroller“. Mein kleines Rudel ist davor gespannt, mit Zuggeschirren, vergleichbar mit Huskys beim Hundeschlittenrennen, und dann geht es los! Auch für ein blindes Tier kein Problem, wenn man ihn langsam heranführt und er seinem Rudelchef vertraut. Ebenso läuft Alfi gerne am Fahrrad mit, wenn man ihm die Möglichkeit lässt, sein Tempo selbst zu bestimmen.

Ich bin mir sicher, dass nicht jeder – aus welchen Gründen auch immer – die Zeit, Geduld, Liebe und Ausdauer, für dieses behinderte Tier hätte aufbringen können oder wollen. Mich hat die Situation manchmal auch an meine physischen und psychischen Grenzen gebracht. Alfonso war eine extreme Ausnahme, nicht jeder behinderter Hund hat einen so schweren Start ins „normale“ Leben! Verlassensängste, Zerstörungswut, permanentes Bellen, Unruhe während der Autofahrt, Berührungsängste, häufiges Erbrechen waren u. a. große Themen.

JA, die erste Zeit war anstrengend für meine Vierbeiner und mich. Eine Herausforderung, der ich mich trotz der ersten Hürden wieder stellen würde, da ich täglich von meinen Hunden dafür belohnt werde!

 

Inzwischen sind für mich die glücklichsten Momente im Leben, wenn ich, nachdem wir einst gemeinsam durch die Hölle gingen, Alfi in windhundartiger Manier mit überschäumender Lebensfreude über die Felder und Wiesen rennen sehe und kein Mensch vermuten würde, dass er blind ist.

ALFONSO, EIN GANZ BESONDERER HUND!

Alfonso war der "Anlass" für mich, nach vielen Jahren persönlicher Erfahrung im Umgang mit einem behinderten Hund, die Hundeschule Iris Schneider zu gründen. Die Hundeschule für Handicap-Hunde. 


 

Wer sehen will, muss die Augen schließen. (Paul Gauguin)

 


Foto: Jörg Kinn

   

    


 

Zeitungsbbericht_Dogs.jpg

Die Geschichte von Alfonso erschien im Hundemagazin dogs, Ausgabe 1/2008, Autorin: Iris Schneider

-> Artikel im PDF Format lesen (benötigt den Acrobat Reader, hier kostenlos downloaden )


Mehr Informationen zum Thema Spielideen bzw. geistige Beschäftigung finden Sie unter
Spiele und in meinem Artikel in der Zeitschrift "Der Hund", Bauernverlag, Ausgabe 1/2006, "Spielideen für Zuhause".

 herbstspaziergang7.jpg


                                          

 

 

alf_als_loewe.JPG 

 Die Fotos und Texte dieser Homepage unterliegen den Urheberrechten von Iris Bauer und dürfen ohne Zustimmung nicht weiterverwendet werden.

^ NACH OBEN ^

 
© 2008 Iris Schneider -

info@hundeblueten.de

CMS von artmedic webdesign